Kontinuierlich und hartnäckig hat sich der Prättigauer Alpin-Boarder Kaspar Flütsch aus Luzein der Weltspitze genähert. Im letzten Winter stand er im Weltcup im amerikanischen Telluride als Zweiter erstmals auf dem Podest. In dieser Saison will er seinen ersten Weltcupsieg schaffen.
Im Sportgeschäft in Pany steht ein kleiner Knirps und wütet. Tränen kullern über die rotglühenden Wangen, mit seinen kurzen Beine stampft er zornig auf den Boden und heult kaum verständlich, “i will, i will“! Das, was er unbedingt will, lehnt unscheinbar in einer Ecke; ein paar Kinderskier. Ratlos steht der Vater neben seinem wütenden Knirps. Hat er sich doch geschworen: „Nicht vor dem Kindergarten soll sein Sohn das Skifahren lernen.“ Und nun das. Der Geschäftsinhaber lacht, reicht dem Vater die Skier und meint, die würden hier nicht benötigt.
Üben, üben, üben
Dieser folgenreiche Zwischenfall ereignete sich vor 23 Jahren. Der kleine Knirps ist hier der Hauptakteur und heisst Kaspar Flütsch, Sohn von Eva und Kaspar und ältester Bruder von Laura und Nina. Fortan steht der kleine Kaspar frühmorgens auf und übt, übt bis er selbstständig die Skischuhe anziehen kann. Damit watschelt der knapp zweijährige Knirps nun den ganzen Tag herum, erspart den Eltern langwierige Therapiebesuche wegen seiner „Hasenfüsse“. Die korrigieren sich von selbst, durch das Tragen der Skischuhe. Und natürlich werden auch die Skier eingeweiht, erst zögerlich, unsicher, aber hartnäckig und bald einmal sicher und frech. Klassisch der weitere Verlauf: Skischule, JO beim Skiclub Pany mit unzähligen regionalen Rennen, bei denen Kaspar oft auf dem Podest steht. Auf’s Board wechselt er mit elf Jahren.
Hartnäckig dran bleiben
„Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, versuche ich es“, sagt Kaspar hier und heute im Elternhaus in Luzein am Küchentisch sitzend. „Und denn mach is au grad richtig“, ergänzt er und lacht herzlich. Dass er es richtig gemacht hat, beweist sein Aufstieg bei den Alpinen von Swiss Snowboard ins Nationalkader vor einem Jahr. Hartnäckig dran bleiben, den Tagesablauf bis ins Detail zu planen, das zeichnet Kaspar aus. Dazu gehört auch tägliches Konditions- und Krafttraining und die Arbeit im mentalen Bereich. Unterstützt wird er dabei von seinem Trainer David Sonderegger und von der Olympiasiegerin Daniela Meuli.
Wo bleiben die Frauen?
Auf den ersten Blick scheint der 25-jährige sehr zurückhaltend zu sein, eine Eigenart die den Prättigauern oder allgemein der Bergbevölkerung nachgesagt wird. „Ja, das könnte auf mich zutreffen“, gibt er zu. Habe er aber Vertrauen gefasst, lebe er auf und reisse die Kollegen mit, sei es nun auf der Piste oder im Ausgang in der Ex-Bar in Davos. Kaspar ist ein „hübscher Purscht“, gross, kräftig, blaue Augen, braunblonde Haare und ein spitzbübisches Lächeln. Wie steht‘s mit den Frauen? Mit denen habe er es gut, er habe keine, antwortet er herzlich lachend und seine Mutter ruft aus der Stube, er habe zwei Katzen, vierbeinige, Blacky und Grisli. Kaspar relativiert sein Aussage: „Bei Swiss Snowboard bestehen die Teams aus gemischten Mannschaften, dadurch bin ich immer in Kontakt mit Frauen und verstehe mich auch gut mit ihnen.“ In seinem Team, dem vierköpfigen Alpin-Team ist es Fränzi Mägert-Kohli mit den Kollegen Simon Schoch und Nevin Galmarini.
Weit weg und daheim
Draussen schneit es leicht, endlich. Auch Kaspar wirkt erleichtert. Mussten doch die ersten Rennen im italienischen Carezza wegen Schneemangels abgesagt und auf die Austragungen im amerikanischen Telluride vom 15. Dezember verschoben werden. Kaspar hat die letzten schönen Herbsttage daheim genossen, aber weil Langeweile aufkam, seinem Vater bei Umbauarbeiten am Stall geholfen und ein paar Tage bei Hans Obrist in Klosters in seinem Beruf als Landmaschinenmechaniker gearbeitet.
Daheim, das ist für Kaspar, wenn er nach langem Auslandaufenthalt aus dem Walenseetunnel fährt, den Bahnübergang in Küblis überquert und hier im Elternhaus in Luzein ankommt. „Hier habe ich meine Ruhe, kann sozusagen vor der Haustüre Wandern, Schlitteln, Skifahren und bin trotzdem in einer halben Stunde in Davos“, sagt er. Daheim, das ist aber auch Mutters und Nanis Küche, feine Älplermaggaronen mit Apfelmus, überhaupt alles, was auf den Tisch kommt. Natürlich hat sich Kaspar auch Ziele gesetzt. Diesen Winter an einem Weltcuprennen zuoberst auf dem Treppchen stehen, das will er, und nächstes Jahr an den Weltmeisterschaften in Kanada um Medaillen fahren. Und natürlich an den Olympischen Spielen 2014 im russischen Sotschi teilnehmen. Aber erst geht’s nach Amerika, Colorado, an das erste Weltcuprennen der Saison. Morgen. Auf nach Telluride wo am 15. Dezember die Alpin-Rennen stattfinden. Halten wir ihm die Daumen!
Text / Fotos oben: Marietta Kobald,
www.luaga.ch
Foto Rennen: zVg
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www.kasparfluetsch.ch