Herrlich, die Ruhe hier oben. Diese Stille, begleitet vom beruhigenden Plätschern des Brunnens vor der Alphütte, dem Summen eines Hummels, der sich am Nektar der eben erst blühenden Alpenrosen labt und dem leisen Mahlgeräusch, verursacht von einigen in der Nähe liegenden, wiederkäuenden Kühen.

Text & Bild

Marietta Kobald

Wuff, wuff, wuff! Aus ist’s mit der Ruhe. Ein Border Collie läuft vor der Alphütte aufgeregt hin und her, die Schnauze nach oben gerichtet, und kläfft wütend einem im weiten Himmelsblau entschwindenden Düsenjet nach. «Kaja, ruhig», ertönt es von der Hüttentür. Eine Frau, klein, zierlich, mit vergissmeinnichtblauen Augen, vom Mittagsschläfchen noch etwas verknittert, steht da und grüsst herzlich. Nicole Heinrich, Sennerin, derentwegen man den langen Weg auf diese schöne Alp unter die Räder genommen hat. Dieser Sennerin, bekannt im Tal und darüber hinaus für ihren guten Käse, wollte man beim Käsen über die Schulter schauen. Aber daraus wird nichts. Nicole ist auf der Älplerinnen-Karriereleiter abgestiegen. Sie ist die Küherin, die Hirtin hier auf Casanna. Es ist ihr freiwilliger Entschluss, zuständig zu sein für 96 Kühe, 33 Kälber, 27 Galtkühe  und Rinder, 15 Schweine, 4 Hühner, 1 Katze und das wichtigste, Kaja, den Border Collie. Dieser ist eine gutmütige sie und hilft ihr beim Treiben der Kühe, still und leise, aber wieselflink. Ausser es taucht so ein blöder Flieger auf, dann ist’s aus mit der Ruhe.

Der Kuhreigen
15 Uhr. «Wir müssen», sagt Nicole zu Tobias, der eben aus der Hüttentür getreten ist und ebenfalls verschlafen aussieht. Die beiden schwingen sich auf den im alten Stall stehenden Vierradtöff - Kaja legt sich flach in eine hinten drauf befestigte Plastikkiste - und fahren über die Schotterpiste rund 250 Höhenmeter runter, um die Herde heraufzutreiben, denn der Kuhreigen beginnt von vorne. Es ist Zeit für den zweiten Melkgang. Für den ersten sind sie um 3.30 Uhr aufgestanden, darum das Mittagsschläfchen. Und sie, das sind neben Nicole Tobias von Almen aus Luzein, der ihr einen Monat lang behilflich ist beim Zäunen und Treiben, Martin Jenzer aus dem Kanton Bern, der «neue» Senn und Roman Kaiser aus Gams, der zum dritten Mal hier ist als Zusenn.

Nicoles Dirigentenstab
Die ersten Kühe von unten treffen ein. Langsam und gemächlich trottet die Herde den steilen Hang hoch, einzelne löschen am lustig plätschernden Bach ihren Durst und hinten nach steigt Nicole empor. Kein lautes Wort ist zu hören. Kaja springt auf Nicoles leisen Ruf einzelnen Abtrünnigen nach und treibt sie ohne zu Bellen zur Herde. Nicoles langer Stecken wird nicht gebraucht, um auf den knochigen Flanken der Kühe zu landen und sie zu schnellerer Gangart anzutreiben. Nein, sie stützt sich darauf ab, wenn sie wieder einmal auf eine ihrer Schützlinge warten muss oder benutzt ihn als Steighilfe.
Kühe sind lernwillige Tiere. Nach nur vier Tagen Alpzeit hat das Team die meisten soweit, dass sie wissen, wer nun an den zwei Toren Eintritt in den zweigeteilten Stall mit je zwei Standreihen erhält und an welchem Plätzchen sie sich anzustellen haben. Klappt es ausnahmsweise nicht, reagiert eine nicht, wie auf Nicoles leise Worte verlangt, so steckt in ihrem Stiefel ein kleines Haselstöckchen, - Nicole sagt ihm «Mein Dirigentenstab» - mit dem sie die Ungehorsame leicht antippt. Und schon wird der Tipp befolgt. Nach nur einer halben Stunde hat das Team die knapp 100 Kühe an ihrem Platz im Stall angebunden und Nicole nimmt sich Zeit für ein Glas Holundersirup und ein Gespräch.

Die Eigenwillige
Nein, von sozialem Abstieg auf der Älpler-Karriereleiter will sie nichts wissen. «Bei der harten Arbeit als Sennerin mit gegen 100 Kühen und acht Tonnen Käse pro Alpsaison bleibt für die Tiere und die Natur wenig Zeit.» Dabei mag sie genau das, die Natur, das Leben draussen und die Vielseitigkeit als Hirtin. Sie liebt die schönen Sonnenauf- und -untergänge, fotografiert gerne, geniesst die Stille und es ist ihr egal, ob die Sonne scheint oder halt tagelang dicker zäher Nebel über den Weiden liegt oder ein Kälteeinbruch sie zwingt, die Kühe in tiefere Lagen zu treiben. Nicole kennt das halt schon aus ihrer Kindheit. Es wurde ihr sozusagen in die Wiege gelegt. Als Nachzüglerin aufgewachsen in Filisur auf einem Bauernbetrieb, gemeinsam mit zwei Geschwistern, lernte sie das Älplerleben schon im Alter von zehn Jahren hautnah kennen, zog frühmorgens mit einem Gspänli und einem Rucksack los, die Kühe zu hüten, um sie nachmittags wieder zur Alp Prosut zu treiben. Gerne würde sie als Sennerin auf einer kleinen Alp arbeiten, aber Casanna ist ihr ans Herz gewachsen. «Die Lage hier ist herrlich, wir haben in diesen Jahren schon so manches Bänklein erstellt und», sie klopft auf den massiven Holztisch vor der Alphütte und lacht herzhaft, «auch diesen hier haben wir selbst gemacht.»

Köchin, Pistenbullyfahrerin und Bauer
Gelernt hat Nicole Köchin, aber bereits nach einem halben Jahr in diesem Beruf hatte sie die Nase voll und seither geht sie z’Alp. Im Winter ist die Eigenwillige bisher Pistenbully gefahren im kleinen und hübschen Skigebiet von Bergün oder hat geholfen die Gäste am Skilift anzubügeln. Und sie hat am Plantahof in Landquart die Ausbildung zur Landwirtin absolviert. Sie übernimmt den elterlichen Hof in Filisur, einen Hof mit 20 Hektar Land, auf dem vom Fleisch, dem Käse übers Joghurt bis zum Glace alles selbst gemacht und vermarktet wird.
Unruhig rutscht Nicole auf dem Holzbank vor der Hütte hin und her. «Ich sollte! Sonst krieg ich ein schlechtes Gewissen, meine Kollegen beim Melken allein zu lassen.» Rasch steht sie auf, greift sich den neben ihr liegenden Melkstuhl, gürtet sich diesen um ihren Allerwertesten und verschwindet im Stall.

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