Pfeifend und trommelnd von Dach zu Dach. Sollten Sie demnächst in einem Restaurant oder an einem öffentlichen Anlass neben einem grossen, schlanken und durchtrainierten Mann sitzen, der ständig mit seinen Fingern auf dem rechten Knie einen unhörbaren Takt klöpfelt und hie und da leise ein paar Töne vor sich hin pfeift, dann handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um Christian Kessler, genannt Hitsch, den Kaminfegermeister aus Schiers. 

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Marietta Kobald

Fährt Hitsch mit seinem Mitsubishi-Bus, vollgestopft mit Kaminfegerwerkzeug eine schmale holprige Bergstrasse hoch, um Kamin und Kochherd von einem Maiensäss zu reinigen, so sind seine Finger am Lenkrad immer in Bewegung, klöpfeln diesen Takt. Steht er auf einem steilen Hausdach, lässt das Seil mit der Rundbürste den Kamin runter rasseln, so pfeift er eine lustige Melodie. Musik liegt ihm einfach im Blut.

Kaum jemand kennt ihn nicht, den 56-jährigen, der im Prättigau,  im Tal der Volksmusik, aufgewachsen und immer noch hier heimisch ist. Sei es als Kaminfegermeister vom vorderen Prättigau, sei es als Klarinettist bei der Kapelle Rhätikon oder als Skitourengänger und Biker.

Der Kaminfegermeister
Seit 20 Jahren schon ist Hitsch Inhaber eines Kaminfegergeschäfts. Mit dem technischen Fortschritt und den geltenden Luftreinhalteverordnungen haben sich in dieser Zeit auch die Anforderungen eines Kaminfegers verändert. Hitsch ist nicht nur verantwortlich für einen reibungslosen Abzug der Rauchgase, er muss das Brennholz auf richtige Lagerung und Abstände zu brennbaren Materialien kontrollieren und einschreiten, falls Abfälle im Feuerungsaggregat verbrannt werden. Er ist zusammen mit zwei Angestellten und einem Lehrling verantwortlich für über 1000 Ölheizungen, etwa 2500 Einzelfeuerungen und gegen 900 Objekte ausserhalb der Dörfer in teilweise schlecht erreichbaren Gegenden. Ein Kaminfeger sollte zudem ein freundliches Auftreten haben und kommunikativ sein. Kaum jemand wird behaupten, dass dies nicht auf Hitsch zutreffe.   

Der Musikant
Ein schöner Sommerabend in Conters. Hitsch sitzt am Tisch der Familie Disch und kann, wie schon oft, hier Znacht essen. Mit Röbi Disch, dem Familienvater verbindet ihn eine enge Freundschaft. Die beiden musizieren seit 35 Jahren gemeinsam und haben vor 30 Jahren mit Kurt Hostettler, Kurt Meuli und Toni Steccanella die Kapelle Rhätikon gegründet mit der sie schon Auftritte in Kanada, Amerika und halb Europa hatten.

Während Hitsch Einblick gibt in sein Leben, trommelt er unablässig seinen Takt auf die Tischplatte. Bereits im Alter von zehn Jahren begann seine musikalische Karriere bei der Jugendmusik Küblis als Klarinettist. „Meine erste Freinacht als Musikant hatte ich mit Vierzehn an einem der berühmten Schlittenrennen von Conters zusammen mit meinem Götti, Hitti Walli und anderen“, erzählt er lachend. Später, ab den frühen 1980er Jahren spielte er Tanzmusik beim Somaraquintett, trat auf als Saxophonist, am Keyboard und mit Klarinette. Sehr viel gelernt habe er bei der Musikgesellschaft Küblis und der Harmoniemusik Horgen. „Aber richtig gelernt habe ich das Klarinettspiel bei René Oswald in Chur in den Jahren ab 1978 und bei Willi Honegger in Horgen. Damals hat er, trotz Lehre und Arbeit zehn bis zwölf Stunden pro Woche  musiziert. „Es kam vor, dass ich an zwölf Wochenenden in Folge an Anlässen auftrat, da ging es strub zu und her“.

Musik ist mein Ventil
Mit der Heirat 1889 und den zwei Kindern beruhigte sich dies etwas. Heute lebt er in einer Partnerschaft, die Kinder sind ausgeflogen und selbstständig.

Hitsch ist seit 2012 Präsident vom Bündner Verband Schweizer Volksmusik und in dieser Funktion natürlich oft anzutreffen an volkstümlichen Anlässen. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Organisation vom Bündner Ländlerkapellentreffen im Forum im Ried in Landquart, dem ältesten Anlass dieser Art schweizweit.

„Musik ist für mich ein Ventil, um Dampf abzulassen“, sagt er und bezeichnet die Möglichkeiten als unbegrenzt, sich weiter zu entwickeln und zu lernen. Obwohl er gerne mit Menschen zusammen sei, brauche er Freinächte nicht mehr so oft. Und wenn, dann mit der Kapelle Rhätikon in der Zusammensetzung, Röbi Disch, Andrea und Paul Engler und Berni Hunger. Zu den drei bisher herausgebrachten CD’s der Kapelle Rhätikon soll irgendwann noch eine vierte kommen, aufgenommen wie immer bei Röbi in seinem Tonstudio Grischuna Sound in Conters. 

Sport
Gerade ist er zurück von einer Woche Bikeferien in der Toskana mit dem Bikeclub Schiers. Jeden Tag 100-120 Kilometer strampeln, das bereitet ihm Vergnügen. Man trifft ihn im Winter oft auf einer Loipe oder mit den Skiern auf einem Berg. Auch im Sommer radelt er über Spitz und Berg nach Feierabend oder wandert mit der Freundin auf ds Chrüüz oder den Sassauna. Dort oben beim Bergrestaurant sitz er gerne bei einem Plättli mit Speck und Bündnerfleisch und einem Glas Wein und geniesst die Aussicht. Der Ruhelose treibt Sport eben auch, weil er gerne gut isst und trinkt, lacht er verschmitzt. Reisen faszinieren ihn, Südamerika, Hochtouren im Bereich von 5000 bis 6200 Metern. Er lacht wieder und meint, er habe immer noch Zeit, brauche wenig Schlaf. Sein Freund Röbi sagt über ihn: „Er ist überall und nirgends, je mehr er in den Lüften ist, desto mehr pfeift er.“

Einen Tag nach unserem Gespräch ist Hitschs Unermüdlichkeit abrupt gestoppt worden. Nach einem Sturz mit dem Bike auf einer Feierabendtour musste er sich im Spital Schiers sein Knie  flicken lassen. 10 Tage pausieren, lautete der Ratschlag. Was er in dieser Zeit gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es ist anzunehmen, dass er auf der Terrasse vom Bergrestaurant Sassauna in gemütlicher Runde sass, mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte, den Takt vorgab und dazu lustig pfiff.

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