Juhui, es hat geschneit!

Gross und Klein kann sich nun wieder in unserer frischen Bergluft und im glitzernden Weiss austoben, auf ein oder zwei Brettern. Oder vielleicht lieber auf zwei Kufen, einem Schlitten oder "Gögel", wie wir Prättigauer sagen? Präparierte Wege können wir vorweisen. Mit 12 Kilometern ist der Schlittelweg der Fideriser Heuberge einer der längsten der Schweiz. Aber auch die Schlittelbahn von der Madrisa-Bergstation nach Saas ist mit 8.5 Kilometern nicht zu verachten oder lieber kürzer über 1.5 Kilometer dafür mehrmals? Das wäre die Schlittelbahn auf Danusa, von der Berg- bis zur Talstation. Das nötige Gefährt dazu? Auch kein Problem. In Conters wohnt ein Bauer, der ist auch Schlittenbauer. Peter Egli heisst er und macht noch richtig stabile, hochwertige Gögel, mit viel Liebe zu Holz und Handwerk, Unikate eben.

Text & Bild

Marietta Kobald

Conters ist klein. Gerade einmal 234 Einwohner weist die Gemeinde auf. Trotzdem ist die Zieladresse Süesswinkel nicht einfach zu finden. Aber klein bedeutet auch, dass jeder jeden kennt und so steht man kurze Zeit später am Ende einer schmalen Gasse vor einem alten Holzhaus mit angebautem Stall. Dass man das Ziel nicht verfehlt hat, zeigt der geschnitzte Name auf einem Holzbrettchen der Stalltüre: Peter Egli-Walli, Schlittenbau. Auf das Klopfen hin öffnet sich die Türe und da steht er persönlich, in grüner Arbeitsschürze und lacht: “Aha, gefunden. Komm herein.“ Gemütlich warm ist es im Stall, der schon lange kein Stall mehr ist, sondern eine Werkstatt. "Die Kühe sind am Dorfrand untergebracht", erklärt Peter Egli, der Bauer, der in seiner Freizeit in dieser Werkstatt Schlitten baut. „Schlitten-Bauer bin ich“, definiert er seine Tätigkeiten mit einem lustigen Wortspiel. Und da die Heuernte eingebracht ist, die Kühe im warmen Stall stehen und draussen schon etwas Schnee die Wiesen bedeckt, hat Peter Zeit, sich dem Schlittenbauen zu widmen.

Schlitten aus heimischer Esche

Die Werkstatt ist perfekt eingerichtet, jedes Ding an seinem Platz so dass die vielen Arbeitsschritte für einen Schlitten wirklich nur eines Schrittes bedürfen. Auch arbeitet Peter fast ohne Massband. Für jede Arbeit, bei der es etwas abzumessen gilt, greift er auf eine Schablone zurück, selbstgemacht und ausgetüftelt natürlich. Sogar einen „Gögelbock“ hat er geschreinert, einen Tisch, auf welchem die Schlitten ihre Eisenkufen erhalten oder andere Befestigungsarbeiten ausgeführt werden. Peters Schlitten sind aus heimischer Esche gefertigt, dem Holz, das sich am besten eignet für die starke Beanspruchung, welcher ein solches Gefährt ausgesetzt ist. Es ist hart und doch elastisch und übersteht Nässe und Kälte ohne Schaden. Draussen vor der Werkstatt, geschützt vom Vordach, trocknen einige Stapel zu Klotzbrettern gesägt während mindestens zwei Jahren, bevor sie Peter im Stall oben zwischenlagert.
Zehn Schlitten hat der 64-Jährige derzeit in Arbeit und alle werden fortlaufend nummeriert. Das jüngste, unfertige Modell trägt die Nummer 450. Bis so ein „Gögel“ fahrbereit ist, benötigt Peter unzählige Arbeitsschritte. Die Klotzbretter werden zu verschieden dicken Latten gefräst, gehobelt und „ufz Mäss abglengt“. Der Fachmann Peter achtet auf die Maserung und Farbe und sortiert die Latten dementsprechend. Die Holzkufen siedet er nicht mehr im „Wäschhafä“, um sie biegen zu können wie beim ersten Modell. „Die beziehe ich von einem Profi, „diä beügänd eim alls waat witt“, erklärt der Schlittenbauer. Weitere Arbeitsschritte sind Zapfen fräsen für die Beine, Löcher stemmen und bohren und sämtliche 16 Einzelteile aus Holz miteinander verbinden. Peter spricht von Beinen und „dä Pfülf“, von Spangen und Stäben, von Kufen, Zapfen und „Bissä“, während er mit seinen von der harten Arbeit schwieligen Händen Schrauben in die Spangen treibt. Leim benötigt er nicht, alles wird mit Zapfen, Keilen und einigen wenigen Schrauben verbunden.

Wie der Bauer zum Schlitten-Bauer wurde

Der Schlitten-Bauer war bis vor 16 Jahren nur Bauer. Und bevor er Bauer wurde, hatte man ihm eine andere Aufgabe zugewiesen. Geboren und aufgewachsen in Küblis, als Sohn von Sepp und Stini Egli-Hansemann, Inhaber vom Kaufhaus Egli, hätte Peter im elterlichen Betrieb mitarbeiten sollen. Hätte, denn im Alter von 16 Jahren, nach zwei Monaten Arbeit im Magazin, war Schluss. „Duä bini usgäzogä, in dä Maiäsäss in d Schwendi“, sagt Peter rückblickend mit einem Schmunzeln. Dieses Maiensäss gehörte zum grosselterlichen Landwirtschafts-Betrieb in Conters. Bei den Grosseltern Hansemann hielt sich Peter schon als kleiner Junge zu jeder Zeit auf, an den Wochenenden und in den Ferien half er im Betrieb mit. „Ich wollte schon immer Landwirt werden“. Sein Wunsch wurde ihm nicht verwehrt, und nachdem er das bäuerliche Handwerk am Plantahof erlernt hatte, lebte und arbeitete er zusammen mit „däm Nani und däm Bäsi Gretli“ im landwirtschaftlichen Betrieb in Conters. Mit 23 Jahren heiratete er Margrit Walli aus Conters. Kinder haben sie keine, es sollte nicht sein. Aber beide sind mit Herzblut Bäuerin und Bauer, über vierzig Jahre lang mit bis zu 17 Grossvieheinheiten. Dazu Hennen, die braunen „diä sind nid so nervös wiä di wiissä“, und immer zwei Schweine für den Eigenbedarf, selbstgemachte Würste und Schinken.
Peters Hobby sind Flickarbeiten an den vielen Gebäuden, ob nun mit Holz oder Stein, Zimmermanns- oder Mauererarbeiten. Das ist für ihn Abwechslung zur Stall- und Feldarbeit. „Wasst sälbär machscht ischt zallt“, lautet seine Devise. Daran hielt er sich auch, als er vor 30 Jahren seinen ersten Schlitten selbst baute und damit am traditionellen Schlittenrennen von Conters teilnahm. Dieses erste Modell ist bis heute dasselbe geblieben. Regelmässig Schlitten baut Peter aber erst seit 16 Jahren. Nach und nach kamen Leute aus dem Dorf und den umliegenden Gemeinden mit dem Wunsch nach einem Schlitten made by Peter Egli. Demnächst wird der 450ste abgeholt. Zuvor jedoch müssen noch die Eisenteile montiert werden, die Kufen, Stängli, Zwingen, Spangeneisen und Verstärkungsbögen. Auch diese Einzelteile bearbeitet er selber aus sechs Meter langen Eisenstangen, schneidet, schmiedet, schmirgelt, biegt und bohrt, bis alles passt. Ein winzig kleines Detail nur, aber ein wichtiges: Die Halbringe, an denen die Zugschnur befestigt wird, biegt Peter aus 120er Nägeln. Zu guter Letzt erhält jeder Schlitten noch eine schützende Lackierung und ins harte Eschenholz geschnitzt den gewünschten Namen des künftigen Besitzers. Ein solch edles Gefährt hat seinen Preis: Ein Schlitten von 110 cm Länge kostet 420 Franken. Man beachte jedoch: Verhält sich der Schlitten  in Kurven oder auf geraden Strecken nicht wie gewünscht, nimmt Peter der Schlitten-Bauer Korrekturen vor. Service inbegriffen!

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