Klettern um zu Klettern

Nina Caprez aus Küblis gehört zu den weltbesten Felskletterinnen. Das Prättigau und der Rätikon sind ihr Zuhause. 

Text & Bild

Marietta Kobald

Nina Caprez: «Kletterer aus der ganzen Welt pilgern im Sommer und Herbst ins Prättigau, denn der Rätikon ist eines der besten Klettergebiete! Was dieses Gebiet so speziell macht, ist der Kletterstyle. Praktisch alle Routen sind plattenartig oder vertikal. Die heutige Szene ist sich diese «Oldschool-Kletterei» nicht mehr gewöhnt und darum kommen auch die stärksten Kletterer im Rätikon so ziemlich auf die Welt! Ich mag diesen Style, auch wenn nach einem Tag Rätikonplatten meine Füsse schmerzen und meine Finger auf den mikroscharfen Leisten so viel Haut liegen gelassen haben, dass ich nur selten noch einen zweiten Tag anhängen kann. Und dennoch oder gerade deswegen steht man nach jeder Mehrseillängentour beim Schweizertor, müde und kamputt in dieser unglaublich schönen Landschaft, geniesst die atemberaubende Aussicht und fühlt sich wie der König der Welt!»

Die 1993 von Beat Kammerlander auf der Kirchlispitze eröffnete Route Silbergeier kann auf eine handvoll namhafte Wiederholer zurückblicken. Seit 2011 steht auch Nina Caprez als erste Frau im Gipfelbuch. Silbergeier gehört nach wie vor zu den anspruchsvollsten Alpinrouten der Welt.

Mit Wille und Talent hat sie es in wenigen Jahren dahin geschafft, in diese rauhe, von Männern dominierte Welt. Sie reist um zu Klettern, sie klettert um zu Klettern, kann inzwischen vom Klettern leben. Während zehn Monaten im Jahr reist sie um den Erdball, von Mexiko nach Kirgistan, von Thailand nach Argentinien und dann wieder zurück, nach Küblis, heim ins Prättigau zur Familie, zur Erholung und zu kurzen Ausflügen ins Prättigauer Klettereldorado; den Rätikon. Diese Gebirgskette bezeichnet Nina als eines der schönsten Klettergebiete.

Auf ein Stück Prättigauer Alpkäse freut sie sich jedes Mal, wenn sie nach anstrengenden Klettertouren in abgelegenen Winkeln der Erde wieder heimkehrt. Wie letztes Jahr. Als sie nach zweiwöchigem Aufenthalt im Hotel Supramonte auf Sardinien nach Küblis in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Aha, Erholung im warmen Süden. «Nein, nein», berichtigt Nina. «Hotel Supramonte ist eine 300 Meter hohe Felswand.» Auch die Frage nach einem Partner klärt sich, denn diese im Schwierigkeitsgrad 8b angesiedelte und zehn Seillängen hohe Wand hat sie gemeinsam mit ihrem Freund Cédric Lachat durchstiegen. Später zu ihnen gestossen ist der Churer Stefan Schlumpf, ein weltweit bekannter Outdoor-Fotograf. Und davon lebt Nina, einfach ausgedrückt, von Film und Fotos. Nina ist prominente Werbeträgerin ihrer Ausrüster. Dazu muss sie klettern, darf sie klettern. Sie klettert um zu Klettern, hat sich ihre Lieblingsbeschäftigung zum Beruf gemacht und ist überaus glücklich dabei. «Ich kann mir im Moment nichts anderes vorstellen. Routen zu klettern, welche mir keinen einzigen Fehler verzeihen und mir alles abverlangen, das ist es, was mich am Klettern fasziniert», sagt Nina und streckt ihre braungebrannten, langen und muskulösen Beine von sich. Dabei werden ihre Füsse sichtbar. Schöne, kräftige Füsse mit dicker Hornhaut an den Sohlen.

Mit Wille und Talent

Kind sein bedeutete für Nina auf Bäume zu klettern. Noch heute befindet sich auf dem Apfelbaum neben dem Stall ihres Elternhauses ein Baumhaus. Sie kann sich nicht vorstellen in einer Stadt aufzuwachsen oder zu wohnen. «Da chascht eifach vor z Huus und ins Gras ligä.» Nach der obligatorischen Schulzeit in Küblis absolvierte Nina als Beste des Jahres die Diplommittelschule in Schiers, bestand anschliessend die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs der Kunstgewerbeschule und†¦entschied sich dagegen. «100 Prozent Schule, das wäre nichts gewesen, denn im 2005 fing es mit dem Klettern ernsthaft an», erzählt sie. Auch lernte sie damals Cédric kennen. Also schlug sie sich mit verschiedenen Jobs durch und nahm an Wettkämpfen teil. Mit der Stärkeklasse stiegen auch ihr Bekanntheitsgrad und dadurch die Chance auf Sponsoren. «Aber», meint sie, «alles ist nicht Gold was glänzt. Viele fanden, ich müsse «etwas Rechtes» machen, einen Beruf erlernen». Wille braucht’s beim Klettern, den besitzt Nina unbestritten. Und Talent. Sie entschied sich fürs  Klettern. «Ich weiss selbst, was gut für mich ist. Dabei bin ich glücklich bei meiner «Arbeit» und verdiene mir noch meinen Lebensunterhalt». Heute akzeptieren alle Ninas Tun.

Mit Schlafsack und Gaskocher

Sie kommt mit wenig aus, benötigt unterwegs nur eine Matte, den Schlafsack und einen Gaskocher. Leichtere Verletzungen behandelt sie selbst, hat für Zerrungen immer ein Schröpfglas dabei. «Je weniger ich besitze, desto leichter geht das Reisen», lautet ihr Motto. Kehrt sie jedoch heim, zurück zur Mutter und ihren zwei Geschwistern, hat sie immer etwas Spezielles im Gepäck. Auf Schritt und Tritt stösst man in diesem alten Prättigauer Bauernhaus auf Mitbringsel. Den Tisch an dem wir sitzen ziert eine farbenfrohe mexikanische Tischdecke, welche wunderbar harmoniert mit der alten sonnenverbrannten Strickwand. Auf den Gartenstühlen liegen gefilzte Kamelhaarkissen aus Kirgistan.   Auf den Geschmack gekommen ist Nina erstmals mit dreizehn Jahren, 1999 in Südfrankreich an einem Kletterlager der JO-Prättigau. Sechs Jahre später war sie Mitglied der Nationalmannschaft und dominierte  2006 die Schweizer Kletterszene, holte sich zwei nationale Meistertitel. Seit einem Jahr verzichtet sie auf Wettkämpfe. Lieber klettert sie am Fels, wie eben die letzten zwei Wochen, Wände die in mehreren Seillängen durchstiegen werden müssen. Schwere Passagen zu meistern, obwohl sie 300 Meter über dem Boden liegen, brauche Vertrauen in das Material, in den Sicherungspartner aber vor allem in sich selbst, sagt Nina. Sie sucht die Herausforderung, ist derzeit beim Schwierigkeitsgrad 8b+ angelangt. Die weltbesten Frauen klettern nur eine Klasse höher, also 8c und 8c+. Noch in diesem Jahr hat sie sich vorgenommen, sich an Ali Baba zu versuchen, einer bisher von niemand begangenen Route in Aiglun, Südfrankreich.

Erst Alpkäse dann Curry

Letzten Winter musste sie zehn Wochen pausieren, Schulterprobleme. «Duä bini hald än biz gä schrinärä». Nina liebt die Arbeit mit Holz, als Ausgleich zum Klettern und weil es in der Familie liegt. Vater Robert – tödlich verunglückt im 1989 – war Zimmermann, ihr Bruder Arno ist Zimmermann und auch Grossvater Caprez beschäftigte sich als Wagner und Schlittenbauer mit Holz. Die grosse Holzterrasse auf der wir sitzen hat sie gemeinsam mit ihrem Bruder erbaut. Mit 24 Jahren ist Nina die Jüngste der Familie. Schwester Cathrin ist mit 28 Jahren die älteste, studiert Umweltchemie und reist gerne und viel nach Südamerika. Bruder Arno ist drei Jahre älter als Nina und auch ihn zieht’s manchmal in die Ferne. Demnächst gemeinsam mit Cathrin nach Pakistan für zwei Monate. «Das liegt nicht an mir», meint Nina fast entschuldigend, «wir haben dieses Reisefieber einfach in uns». Dieses Fieber äussert sich bei Nina jeweils nach längeren Aufenthalten daheim. Was sie dagegen unternimmt? «Ich koche mein Leibgericht, ein feines Curry. Der Geruch weckt Erinnerungen und lässt meine Familie an meinen Reisen teilhaben».  Ein Blick in die Zukunft? «Ischt churz gseid: vu Tag zu Tag», meint sie lachend. Sie nehme es wie es komme, habe einen Jahresplaner und wisse, dass im Oktober ein Treffen mit Bundesräten stattfinden soll und sie ebenfalls im Herbst in Mexiko am Petzl Roc-Trip – ein Wettkampf der besten Kletterer dieses Ausrüsters - teilnehme. Der Rest bleibt offen. Aber zwei Wünsche hat sie trotzdem: «So lange wie möglich so weiter machen und mich nicht verletzen.» Nina schaut auf ihre Uhr. Sie sollte um 17 Uhr obschi, nach Plävigin. Dort im Maiensäss trifft sich ihre Familie um einer Filmvorführung über Ninas letzte Klettertouren in Kirgistan und Argentinien beizuwohnen. Nina trägt fremde Welten ins Prättigau und bekocht ihre Familie mit†¦einem herrlich duftenden Currygericht.

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